Eine Worf & Dax - Story von Heike Wurm
Chronologie: Die Story spielt direkt nach der Fernsehfolge "Martoks Ehre". Die Rotarran ist mit 35 geretteten Klingonenkriegern der B'Mot nach DS9 zurückgekehrt, zwar beschädigt, aber siegreich. Worf war von Martok im Kampf verletzt worden, nachdem er von ihm das Kommando über das Schiff gefordert hatte, um ihm seine Pflichten als Kommandant klarzumachen.
Das rote Haarband
Wieder einmal hatte Worf sich von Doktor Bashir behandeln lassen müssen, denn auf der Rotarran hatte es nur eine medizinische Notversorgung gegeben. Seine klingonische Uniform hatte zum Glück Schlimmeres verhindert, so daß Martoks Messer keine lebensgefährliche Verletzung angerichtet hatte.
Nun stand Worf, mit seiner gewohnten Uniform und Schärpe wieder eindeutig als Offizier der Sternenflotte erkennbar, auf dem oberen Promenadendeck und blickte hinunter auf die feiernden Klingonen, die ihren Sieg ausgiebig begossen. Ihm jedoch stand der Sinn nicht nach einem Trinkgelage, und es war zudem niemandem von der Crew der Rotarran eingefallen, den vorübergehenden Ersten Offizier dazu einzuladen. Hinter sich vernahm er Schritte, und als er sich umdrehte, sah er sich General Martok gegenüber. "Worf!", begrüßte ihn jener lautstark, und Worf nahm Haltung an. "General!" Martok baute sich vor ihm auf, und Worf sah dem Gespräch mit gemischten Gefühlen entgegen. Immerhin hatte er sich einen Kampf auf Leben und Tod mit Martok geliefert, aber die Gründe dafür waren durchaus ehrenhaft gewesen. Worf hatte den Entschluß, den General herauszufordern, keine Sekunde bereut. Ohne Zweifel würde ihm Martok als waschechter Klingone nun schnörkellos ins Gesicht sagen, wie er darüber dachte. "Der Hohe Rat hat der gesamten Crew der Rotarran ein ausdrückliches Lob ausgesprochen. Es scheint so, als ob Sie recht hatten. Sie betrachten die Zerstörung eines Jem'Hadar-Schiffes und die Rettung von fünfunddreißig tapferen Kriegern offenbar als ausreichende Rechtfertigung für die Überquerung der cardassianische Grenze." Worfs Position wurde dadurch zwar bestätigt, aber er fühlte sich deshalb auch nicht besser. Er nickte nur. Martok senkte die Stimme. "Ihr Verhalten auf der Rotarran..." Worf hielt Martoks Blick stand, denn er war immer noch der Meinung, richtig gehandelt zu haben. "...Ich habe gedacht, Sie wären illoyal. Aber mir wurde bewußt, daß Ihre Absicht darin bestand, mir meine Pflichten als Soldat des Reiches klarzumachen und auch als Krieger. Und dafür möchte ich Ihnen danken!" Nun war es also heraus, und Worf sah sich bestätigt, trotzdem hatte er nicht die Absicht, dieses Gespräch auszudehnen. Er wandte sich ab und meinte: "Sie haben dasselbe für mich getan!" "Worf!" Offenbar war der General noch nicht fertig. Worf drehte sich wieder um, und im Tonfall des Generals lag etwas Lauerndes. "Auf der Brücke, während des Kampfes, als Sie für einen Moment ohne Deckung waren...Woher haben Sie gewußt, daß ich Sie nicht töten würde?" Die Frage überraschte Worf nur wenig, denn er wußte um des Generals Fähigkeit, bei jeder Situation immer das Wesentliche zu erkennen. So ging der abweisende Gesichtsausdruck in eines von Worfs seltenen Lächeln über, und das ließ ihn zum Erstaunen des Generals um Jahre jünger aussehen. "Ich habe es nicht gewußt!", sagte Worf mit einem merkwürdigen Unterton, und Martok war sich wirklich nicht sicher, ob Worf jetzt einen seiner seltenen Witze machte. Martok fühlte sich ertappt und lachte herzlich auf, was in Worf einen kurzen Gedanken über den in der klingonischen Welt unbekannten Berufsstand der Zahnärzte auslöste. Sein Lächeln wurde noch etwas deutlicher. Die Distanz zwischen den beiden Männern schrumpfte plötzlich bis zur Bedeutungslosigkeit. Das veranlaßte Martok dazu, weiterzureden und endlich mit seinem wahren Anliegen herauszurücken. "Ich sehe, Sie tragen immer noch das Wappen des Hauses von Mogh!" Etwas irritiert über diesen plötzlichen Themawechsel senkte Worf den Kopf und strich mit einer fast zärtlichen Bewegung über das Wappen an seiner Schärpe. "Ja", meinte er verlegen, "Jadzia nennt es eine - sentimentale Geste." Martok erkannte hinter dieser kurzen Erklärung so viel unausgesprochenen Schmerz, daß er endgültig davon überzeugt war, das Richtige zu tun. "Vielleicht würden Sie es in Betracht ziehen, die Sentimentalität zu ersetzen durch ein Symbol für einen neuen Anfang?" Worf blickte auf, Martok sah die Frage in seinen schwarzen Augen und wurde sehr feierlich. Er griff an seine linke Schulter und nahm sein eigenes Wappen vom Ärmel. "Das Haus des Martok würde sich geehrt fühlen, den Sohn von Mogh in unsere Familie aufzunehmen - als einen Krieger und als einen Bruder." Er reichte Worf das silbrig glänzende Familienwappen seines berühmten Hauses. Sprachlos und tief bewegt nahm Worf es entgegen. Er löste das vor langer Zeit inhaltslos gewordene Symbol seines untergegangenen Hauses von seiner Schärpe und sah kurz zu Martok, wie um sich zu vergewissern, daß dieser es sich nicht noch anders überlegt hatte. Er heftete das Wappen an dieselbe Stelle und legte kurz die Hand darauf. Martok bot ihm seinen Arm zum rituellen Händedruck. Worf griff zu, so fest er konnte, und beide sprachen gravitätisch das für diesen Anlaß passende Wort "Qapla!" Einige Meter von ihnen entfernt, versteckt in einer Nische hinter den Verstrebungen der Wandverkleidung, aber in Hörweite zu den beiden Männern, stand eine schlanke, dunkle Gestalt - Jadzia Dax. Sie war auf der Suche nach Worf gewesen, und als sie ihn mit Martok entdeckt hatte, beschloß sie, den Ausgang des Gespräches abzuwarten. Es hatte sich gelohnt, fand sie, und schlich sich ungesehen davon. Sie war ebenfalls sehr gerührt von der Geste des Generals, denn ihr war die ganze Tragweite dieses Vorgangs bewußt. Worf gehörte nun quasi wie ein Adoptivsohn oder - Bruder zu des Generals ruhmreicher Familie, ausgestattet mit allen Pflichten, aber auch Rechten und Privilegien, die das mit sich brachte. Sicherlich mußte Worf ungeheuer stolz darauf sein, auf diese Weise wieder zu einem anerkannten Mitglied der klingonischen Gesellschaft zu werden. Nun gab es für ihn keinerlei Gründe mehr, an irgendwelchen uneingestandenen Minderwertigkeitskomplexen zu leiden. Würde er in der klingonischen Flotte dienen, wäre er durch sein Haus zweifellos eine enorm gute Partie und von beachtlichem Interesse für die Angehörigen des weiblichen Geschlechts... Natürlich spielte das für Dax nicht die geringste Rolle, aber sie nahm sich vor, ihn das nicht merken zu lassen. Er hatte jetzt ein Haus, und für Jadzia war nur wichtig, daß er sich damit viel glücklicher fühlen würde, weil er nicht mehr länger als Ausgestoßener behandelt werden konnte. Sie schlenderte über die Promenade und blieb an einem Stand mit allerlei unnützen Kleinigkeiten stehen. Da lagen Schmuckstücke aus den unterschiedlichsten Materialien in allen nur denkbaren Farben des Sonnensystems. Haarspangen, Armreifen, die allgegenwärtigen religiösen Ohrgehänge, Fingerringe mit ungewöhnlichen Kristallen von den verschiedenen Asteroiden und Monden Bajors, eingefaßt in das bläulich schimmernde Metall, das nur auf Bajor vorkam, und dazu passende Halsketten... Der Händler, ein untersetzter Bajoraner mittleren Alters, näherte sich freundlich. "Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein, Commander?" Jetzt, wo Dax genauer hinsah, fiel ihr die außerordentliche Kunstfertigkeit auf, mit der all diese Dinge gefertigt waren. "Haben Sie all das hergestellt?", fragte sie interessiert. "Nein, diese Kunst ist mir leider nicht gegeben, aber die Propheten waren so gütig, meiner Frau die erstaunliche Fertigkeit zu verleihen, die leblose Natur mit einer Seele auszustatten." Tatsächlich schienen die Schmuckstücke je nach Betrachtungswinkel und Lichteinfall die Farben und sogar die Formen zu verändern - aus Rundungen wurden Spitzen, und aus Blau wurde Rosa oder lindgrün. "Wen möchten Sie beschenken, wenn ich fragen darf? Diesen Kleinoden wird nachgesagt, daß sie Glücksbringer sind, wissen Sie, denn meine Frau ist blind und hat ihre eigenen Kunstwerke noch nie gesehen, sie fühlt die dem Material innewohnenden Kräfte nur mit ihren Händen." Dax musterte den Bajoraner verblüfft, und ihr Mißtrauen erwachte, denn das hielt sie für ziemlich unwahrscheinlich. "Ich sehe, Sie zweifeln, aber vertrauen Sie mir nur, ich behaupte ja nicht, daß es stimmt, was die Leute sagen. Doch manchmal reicht es, an etwas zu glauben. Der Wille der Propheten ist unerforschlich." Kira zufolge würde ein bajoranischer Händler niemals die Unwahrheit sagen, um sich einen Profit zu verschaffen, und seltsamerweise hatte dieser Mann ihre Zweifel nur auf die Sache mit den Glücksbringern bezogen und nicht auf die Tatsache, daß die Künstlerin blind war. Es schien ihm gar nicht in den Sinn zu kommen, daß jemand diese Behauptung für unwahr halten könnte. Dax hatte trotzdem nicht die Absicht etwas zu kaufen, aber der Händler ließ nicht locker. "Ich sehe, Ihre Wünsche können durch meine Auslagen nicht erfüllt werden, weil sie allesamt für Frauen bestimmt sind. Ihnen aber steht der Sinn nach einem Mitbringsel für einen Mann. Die Propheten meinen es außerordentlich gut mit ihm, wenn ich das sagen darf, denn Sie sind sehr schön, und die Liebe zwischen Ihnen beiden ist etwas ungewöhnlich, wie mir scheint..." Dax lachte auf. "Sie kennen mich, geben Sie es zu!" Der Mann hob entrüstet die Hände. "Wo denken sie hin, ich kam erst heute an diesen Ort, und morgen schon werde ich wieder abreisen. Es bleibt mir wirklich keine Zeit, Bekanntschaften zu schließen." Er griff unter den Tisch, zog eine Schatulle aus bajoranischem Balsaholz hervor, öffnete sie und reichte sie Dax. Diese war langsam versucht, an Wunder zu glauben, denn in dem Behältnis lagen schlichte verschiedenfarbige, lange, schmale Bänder. Dax hob überrascht den Kopf. "Sind das..." - "Haarbänder, schöne Sternenflottencommanderin, das sind Haarbänder. Mein Pagh hat mir geflüstert, daß Sie eine besondere Beziehung zu diesen Utensilien haben. Und obwohl sie für einen Mann auf den ersten Blick gar nicht zu gebrauchen sind, hat es bei der Ihnen nahestehenden Person eine Bewandtnis damit - es gibt in unserem Universum schließlich noch andere Spezies als Menschen, Trill oder Bajoraner, und bei manchen soll es sogar üblich sein, daß die Männer lange Haare tragen." Hinter Dax ging genau in diesem Moment ein Klingone vorbei, dessen Haare zu mehreren langen Zöpfen geflochten waren. Der Bajoraner sah ihm vielsagend nach, und Dax wurde es unheimlich. Er redete weiter. "Jede dieser Farben hat ihre eigene Bedeutung, müssen Sie wissen. Das Grün steht für die Fruchtbarkeit, das Gelb für die Ehrlichkeit, das Violett für die Verführungskunst, das Braun für die Beständigkeit, das Weiß für die Reinheit, das Schwarz für die Unendlichkeit, das Blau für die Vergänglichkeit, wie das Wasser, das ständig fließt, sehen Sie, es hat alles eine tiefere Bedeutung." Er hatte eine Farbe ausgelassen, wie Dax sehr wohl bemerkte. In der Schatulle befand sich nicht ein einziges rotes Band. Sie sah ihn an, und bevor sie die Frage stellen konnte, griff der Händler wieder unter seinen Tisch. Zum Vorschein kam ein weiteres Kästchen, auf dessen Deckel ein schlichtes bajoranisches Drehkörpersymbol eingraviert war. "Ich habe es befürchtet, junge Frau, die Sie wesentlich älter sind als Ihre Schönheit vermuten läßt, denn zwei Wesen vereinen sich in Ihrer sterblichen Hülle...aber ich schweife ab. Das rote Band liegt hier, getrennt von den anderen, damit seine Aura nicht beschädigt wird." Er drückte auf das Symbol, und der Deckel sprang auf. Eng zusammengewickelt lag ein dunkelrot leuchtendes, offen bar sehr langes Band darin. Dax' Neugierde siegte über ihre Abneigung gegen Aberglauben aller Art. "Was soll das, was hat es damit auf sich?" "Das Rot, junge Frau mit der Seele eines alten Mannes, steht für die Liebe, aber wie zwiespältig ist doch der Liebe Wesen...", seine Stimme fiel in einen sakralen Singsang, "das doppelte Wesen der Farbe Rot, sie steht für das Leben und für den Tod, sie steht für Erfüllung und Zärtlichkeit, doch auch für die Sehnsucht und für das Leid, sie steht für die Freude, doch auch für den Schmerz, und dem, der sie trägt, dem siehst du ins Herz." Er nahm das Band aus der Schatulle, hielt es in die Höhe und fuhr eindringlich fort. "Denn nichts ist nur böse, und nichts ist nur gut, und du hast nicht die Wahl zwischen Wasser und Blut..." Dax wurde das langsam zu mystisch. "Was meinen Sie damit, nicht die Wahl? Man hat immer eine Wahl!" "Bedenken Sie, Commander, folgende einfache Erklärung: Sie sind in der Wüste von Vulkan dem Verdursten nah, und man bringt Ihnen das Blut eines frisch geschlachteten Tieres...Was nützt es Ihnen wohl? Dann droht Ihr Liebster an seinen im Kampf erlittenen Wunden zu verbluten, was nützt Ihnen die Kanne Wasser, von einer mildtätigen Seele verabreicht? Über all ihrer Wissenschaft neigen die Leute dazu, des Lebens Wurzeln zu vergessen... Wasser und Blut..." "Schon gut", meinte Dax beklommen lächelnd, "Sie haben mich überzeugt. Was soll dieses Band kosten?" "Oh, diese Bänder sind keine Handelsware. Aber Sie haben eine außerordentliche Geduld bewiesen, indem Sie mir zuhörten. Im Übrigen sind die Propheten der Meinung, daß es Ihnen nützlich sein könnte. Niemand soll sich dem Willen der Propheten widersetzen. Deshalb bin ich bereit, mich davon zu trennen und es Ihnen zu schenken." Er sah sie erwartungsvoll an, und nichts an seinem Gesichtsausdruck oder in seiner Körpersprache deutete auf eine Hinterhältigkeit oder Unehrlichkeit hin. Trotzdem... "Das kann ich nicht annehmen", wehrte Dax ab. Womit bestritt dieser Händler seinen Lebensunterhalt, wenn er seine Waren verschenkte? "Machen Sie sich um meinen Lebensunterhalt nur keine Sorgen, Verehrteste", beruhigte er Jadzia, die sich allmählich fragte, ob einige Bajoraner über telepathische Kräfte verfügten, "Aber wenn Sie mir helfen wollen, kaufen Sie mir dieses Balsaholzkästchen ab. Sie werden schwerlich eine geeignetere Verpackung für Ihr Geschenk finden. Für nur einen Streifen Latinum soll es Ihnen gehören." Jadzia schluckte. Aber dieses dunkelrote Band übte eine unerklärliche Faszination auf sie aus, und sie wollte den Händler nicht enttäuschen. Also reichte sie ihm das gewünschte Latinum. Er legte das Band geradezu ehrfürchtig in die Schachtel zurück, schloß den Deckel, murmelte etwas wie eine bajoranische Beschwörungsformel und überreichte sie ihr mit einer tiefen Verbeugung und den Worten: "Geben Sie acht auf Ihre Liebe, denn sie ist wertvoller als alles Latinum im Universum. Möge sie so unzerreißbar sein wie dieses Band." "Vielen Dank, sagte Jadzia, und mit gemischten Gefühlen verließ sie die Promenade. In ihrem Rücken glaubte sie deutlich den Blick des Händlers zu spüren, vermied es jedoch, sich noch einmal umzusehen. "Was für ein unwissenschaftliches Gerede", dachte sie bei sich, als sie im Turbolift stand und das zierliche Kästchen eingehend musterte. Ob es wohl wirklich einen Streifen Latinum wert war? Worf stand in seinem Quartier und zog seine rote Galauniform zurecht. Sie war fast ungetragen, da es bisher nur sehr wenige Anlässe gegeben hatte, zu denen sie notwendig gewesen war. Aber heute Abend sollte der Empfang zu Ehren von General Martoks Amtseinführung als Befehlshaber der ständigen klingonischen Vertretung auf der Station stattfinden, verbunden mit der Würdigung sein Erfolges auf der letzten Mission als Kommandant der Rotarran. Captain Sisko hatte ausdrücklich auf angemessene Kleidung hingewiesen. Worf schloß den asymmetrischen Kragen und überprüfte im Spiegel den Sitz seiner Rangabzeichen. Er warf einen bedauernden Blick auf seine Schärpe mit dem Zeichen des Hauses von Martok, auf das er so stolz war, aber zur Galauniform konnte er sie nicht tragen. Es war noch Zeit bis zum Beginn der Zeremonie, und Worf beschloß, bei Jadzia vorbeizusehen. Immerhin galten sie als Paar, auch wenn sie nicht offiziell verbunden waren, und es wäre nichts Ungewöhnliches, wenn sie gemeinsam in der Öffentlichkeit auftraten. Als das Türsignal ertönte, war Jadzia fast fertig und legte die Haarbürste aus der Hand. "Herein!" rief sie und begrüßte Worf mit dem ihr eigenen strahlenden Lächeln. Sie trat auf ihn zu und fuhr sanft mit den Fingerspitzen der rechten Hand über seine dunkle, glattrasierte Wange bis zum gepflegten Bartansatz. Er ließ es scheinbar ohne Regung geschehen, aber Jadzia registrierte die leichte Neigung seines Kopfes und das Leuchten in seinen schwarzen Augen. Worf galt allgemein als schweigsam und einsilbig, aber Jadzia wußte es besser, denn sie verstand auch die Worte, die er nicht aussprach. "Hast du gedacht, ich würde zu spät kommen, wenn du mich nicht mitnimmst?", fragte Jadzia und ging zurück ins Bad. Sie kann es nicht lassen, dachte Worf, aber diesmal fiel ihm eine passende Antwort ein. "Man sollte meinen, daß du inzwischen alt genug bist, um die Sternenflottenprotokolle gelernt zu haben." Seine Stimme klang tatsächlich sarkastisch. Jadzia lachte anerkennend. "Der Punkt geht an dich. Aber ich habe eine Überraschung für dich." Worf setzte sich schweigend auf das Sofa in der Mitte des Zimmers, und Dax fragte sich wieder einmal, welche rätselhafte Substanz er wohl benutzen mochte, um diesen eigenartigen fliederähnlichen Geruch auszustrahlen, den sie wieder deutlich wahrnahm, seit er das Quartier betreten hatte. Keines von den persönlichen Pflegemitteln, die er jemals in ihrer Gegenwart benutzt hatte, wies diesen charakteristischen Duft auf, und er war immer dann am intensivsten, wenn Worf direkt von der Defiant kam. Dax kehrte aus dem Bad zurück und überreichte ihm das hellbraune Kästchen. Worf war einigermaßen verlegen, denn es war nicht üblich, daß sie einander Geschenke machten. Jadzia wartete gespannt, als Worf den Deckel öffnete und etwas ratlos den Inhalt betrachtete. "Es ist ein Haarband", erklärte sie das Offensichtliche und erntete einen von Worfs unverwechselbaren Kommentaren. "Das habe ich mir bereits gedacht", sagte er. Unbeirrt schilderte sie Worf in allen Einzelheiten die ungewöhnliche Begegnung mit dem Bajoraner. Worf hörte äußerlich unbewegt und geduldig zu, nur seine Augen verfolgten Jadzia, die während des Erzählens vor ihm auf und ab ging. Als sie die kitschigen Verse des Bajoraners über die Farbe Rot wiederholte und dabei dessen weihevollen Singsang imitierte, meinte er einen seltsamen Zauber zu spüren, den das Band in seinem Kästchen auszustrahlen schien. Klingonen waren sentimental und abergläubisch, aber Worf mit seiner menschlichen Erziehung und Sternenflottenausbildung hatte immer gemeint, sich von ihnen auch in diesem Punkt zu unterscheiden. "Eine sehr geschickte Verkaufsstrategie dieses Händlers", konstatierte er denn auch so sachlich wie möglich, als Jadzia geendet hatte, "vielleicht ist er bei einem Ferengi in die Lehre gegangen." Jadzia blieb stehen. "Bestimmt war er kein einfacher Händler. Woher wußte er von uns und unseren...Schwierigkeiten? Oder von Männern, die lange Haare tragen?" "Jadzia, seit wann bist du so leichtgläubig? Ich bin sicher, es gibt für all das eine Erklärung, auch wenn dieser Mann behauptet hat, niemanden auf der Station zu kennen. Die langhaarigen Klingonen jedenfalls dürften ihm sofort aufgefallen sein! Oder bist du wirklich bereit, plötzlich an die Pagh-Geister oder Propheten zu glauben?" "Natürlich nicht, Worf. Aber du mußt zugeben, daß es auf den ersten Blick zumindest etwas rätselhaft ist." "Es scheint so, ja", gab Worf zu. Sein Interesse, mit ihr weiter über bajoranische Orakel zu diskutieren, hielt sich in Grenzen. Im Moment hatte er ein ganz anderes Problem. Sicher, ein solches Geschenk sollte man unbedingt in Ehren halten, aber... "Nettes Geschenk," meinte er also, um Zeit zu gewinnen. Er ließ das weiche und doch überraschend feste Band durch seine Finger gleiten und versuchte seine Frage so zu formulieren, daß sie nicht zu abweisend klang. "Und du erwartest ernsthaft, daß ich es trage?" fragte er vorsichtig und schaute aus zusammengekniffenen Augen zu ihr auf. Als sie nicht sofort antwortete, wagte er einen weiteren Hinweis. "Es ist rot!" Jadzia hatte mit seinem Einwand gerechnet. "Warum eigentlich nicht?" Sie setzte sich neben ihn und griff nach seinem Zopf. Das von dem obligatorischen unscheinbaren Lederband zusammengehaltene Haar fühlte sich an wie schwere, warme Seide. "Schließlich ist es nicht irgendein Haarband. Und das Rot paßt ausgezeichnet zu deiner Uniform!" Worf preßte die Lippen zusammen und drehte den Kopf, so daß der Zopf aus ihrer Hand rutschte. Dabei schnaufte er abweisend durch die Nase. Dieses Argument war einfach lächerlich! Jadzias lächelte betörend. "Niemandem wird es auffallen! Oder meinst du, daß außer mir noch jemand auf der Station sich für deine Haarbänder interessiert?" Das hielt Worf zwar für eher unwahrscheinlich, aber es widerstrebte ihm noch immer, ihrem Wunsch nachzukommen, da er ein rotes Band für äußerst unpassend hielt - auch zur Galauniform. Aber ihm entging ihre Enttäuschung nicht, als er immer noch zögerte. "Tu es mir zuliebe, nur dies eine Mal", bettelte Jadzia, und sein Widerstand erlahmte. Er hatte sich fest vorgenommen, heute nicht mit ihr zu streiten. Er gab ein unwilliges "Hm..." von sich. Man konnte es ja mal versuchen. Lang genug schien es jedenfalls zu sein. Worf stand auf und ging zum Spiegel, in der rechten Hand das absonderliche Geschenk, und löste mit der Linken seinen Zopf. Jadzia trat hinter ihn und sah ihm zu, wie immer fasziniert von der für einen Mann und Sternenflottenoffizier außergewöhnlichen Haarfülle. "Laß mich dir helfen", bat sie, aber Worf schüttelte energisch den Kopf, so daß das rostbraune glänzende Haar über seine Schultern floß. Der markante Fliederduft verstärkte sich. Oh, wir sind heute wieder empfindlich, dachte Jadzia belustigt, aber seine strikte Ablehnung war zu erwarten gewesen. Meistens durfte sie ihm nicht einmal beim Frisieren zusehen! Worf fuhr mit allen zehn Fingern durch die leise knisternde Mähne, drehte sie wieder zusammen und bildete mit geübten, andächtigen Bewegungen eine lange, feste Doppelspirale aus rotem Band um sein Haar. Dann ließ er die Arme sinken und zog seine Uniform glatt. Sie legte ihr Kinn auf seine Schulter, sog seinen reizvollen Duft tief ein, und ihre Blicke trafen sich im Spiegel. "Zufrieden?", brummte er finster, und es war Jadzia nicht klar, ob die Frage ihrem oder seinem eigenen Spiegelbild galt und worauf sie sich genau bezog. "Mehr als das!", meinte Jadzia ebenso vieldeutig und hakte sich bei ihm unter. Jetzt konnten sie gehen. Sie war sicher, daß Worf sich im Laufe des Abends schon an das rote Haarband gewöhnen würde. Der Raum mit der imposanten Fensterfront, die einen beeindruckenden Blick ins All ermöglichte, füllte sich langsam. Zwischen den in kleinen Gruppen zusammenstehenden Gästen wieselten geschäftige Ferengi mit Tabletts voller Gläser oder Appetithäppchen umher, und die Geräuschkulisse wurde zunehmend lauter. Schließlich klopfte Captain Sisko nach uraltem Erdenbrauch an sein Glas, und das Stimmengewirr erstarb. "Sehr geehrte Gäste, und damit meine ich natürlich nicht nur die Angehörigen der Sternenflotte, sondern auch und ganz besonders die tapferen Krieger der ruhmreichen klingonischen Verteidigungsarmee, wir haben uns heute zusammengefunden um ...." Im hinteren Teil des langgezogenen Raumes, vor dem üppigen und reichhaltigen Büfett, stand Major Kira Nerys, gekleidet in die typische blaue bajoranische Festuniform. Sie starrte unverwandt in eine ganz bestimmte Richtung. Dax folgte ihrem Blick. Ganz offensichtlich hatte Kira eine Gruppe von Klingonen im Visier, die nicht weit von Sisko entfernt einander mit den unvermeidlichen Blutweinkrügen zuprosteten. Unter ihnen befanden sich auch Martok und Worf, der sich in seiner roten Galauniform allerdings auffällig von den anderen abhob - sehr zu seinem Vorteil, wie Dax fand. Dax wunderte sich über Kiras unverhohlenes Interesse an den Klingonen, denn bisher hatte sie für Martoks Männer noch nie ein Auge gehabt. An Siskos Rede verschwendete sie offenbar nicht eine Sekunde ihre Aufmerksamkeit, aber das tat Dax auch nicht. Sie hatte in den vergangenen sieben Leben schon so viele Reden gehört, daß es spielend für weitere sieben ausreichen würde. Sisko hob seine Stimme, und Martok trat auf ihn zu. Sie schüttelten sich die Hände. Die anderen Klingonen produzierten einen erheblichen Lärm dazu, und Kira nutzte die Gelegenheit, da niemand auf sie achtete, sich in eine noch günstigere Beobachtungsposition zu bringen. Dax, neugierig wie immer, war ihr dicht auf den Fersen, und ihr wurde schließlich klar, daß Kiras Augen von einem einzigen Klingonen scheinbar magisch angezogen wurden. Einem Klingonen in Rot. "Nerys, seit wann interessierst du dich für Worf?", fragte Dax flüsternd. Es war besser, Kira abzulenken, denn an Worfs Körpersprache hatte Jadzia deutlich erkannt, daß er die Beobachtung spürte und als lästig empfand, auch wenn er mit dem Rücken zu ihnen stand. Noch ließ es sein Stolz nicht zu, sich suchend umzusehen. Kira drehte den Kopf in Dax' Richtung, ohne Worf aus den Augen zu lassen. "Wenn es nicht so unwahrscheinlich wäre, würde ich schwören, daß er ein Messala-Band trägt", flüsterte sie, immer noch in Bewegung auf Worf zu. Dax staunte. "Das Haarband? Das ist dir aufgefallen? Tu mir bitte den Gefallen und sprich ihn nicht darauf an. Er wollte es sowieso nicht tragen, weil er es für unvereinbar mit seiner Kriegerwürde hielt. Aber ich konnte ihn doch noch überzeugen..." Sie waren ungefähr acht Meter von Worf entfernt. Jetzt rief General Martok ein paar laute Worte in die Menge, und seine Leute jubelten ihm überschwenglich zu "Martok!" "Martok!" "Martok!". Da drehte Worf sich um und sah über die anderen hinweg unverwandt in Kiras Augen. Sie wendete sich sofort ab und griff sich ein Glas von einem vorbeischwankenden Tablett auf dem Kopf eines Ferengi. Immer noch wirkte sie geistesabwesend, und Dax fragte neugierig: "Was ist daran Besonderes? Niemand sonst scheint ein rotes Haarband ungewöhnlich zu finden..." Major Kira deutete mit einer Kopfbewegung zu einer Gruppe von drei bajoranischen Sicherheitswächtern, die gegenüber an der Fensterseite standen und immer wieder offensichtlich fasziniert in Worfs Richtung schauten, bemüht es ihn nicht merken zu lassen. Dax hielt sich im Schlepptau von Kira, die den Klingonen immer näher rückte und konnte sich keinen Reim darauf machen. Wie zu sich selbst hörte sie Kira murmeln: "Unglaublich...Wo mag er das bloß her haben?" "Ich habe es ihm heute erst geschenkt!", sagte Dax. Kira riß sich von Worfs Anblick los und sah Dax an, als würde sie überhaupt erst jetzt ihre Anwesenheit zur Kenntnis nehmen. Sie packte Dax am Arm und zog sie ein Stück beiseite. "Wo hast du das her?" Jadzia legte beschwörend den Finger auf ihre Lippen. "Nicht so laut! Von einem fliegenden bajoranischen Händler, der seinen Stand auf der Promenade aufgebaut hatte. Du mußt ihn doch auch gesehen haben, wenn du im Replimat gewesen bist." Kira schaute ungläubig. "Ein bajoranischer Händler hat dir das Band verkauft?" Das erschien ihr völlig unwahrscheinlich. "Kein Bajoraner im ganzen Sonnensystem würde ein solches Band verkaufen, wenn es sich wirklich um ein Messala-Band handelt", behauptete Kira kategorisch. Dax stellte die Sache richtig. "Eigentlich hat er es mir nicht verkauft. Er schenkte es mir!" Kira nickte. "Aha!" "Aber für das dazugehörige Kästchen habe ich einen Streifen Latinum bezahlt. Meinst du, er hat mich übers Ohr gehauen? Worf hat gleich gemeint, ich sei auf eine besonders ausgeklügelte Verkaufsstrategie hereingefallen. All die mysteriösen Sprüche, die dieser verhinderte Wanderprediger auf Lager hatte! Das doppelte Wesen der Farbe Rot..." "...Sie steht für das Leben und für den Tod...", deklamierte Kira ehrfurchtsvoll die bekannten Verse. Dax horchte auf. "Du kennst das?" Um sie herum entstand Bewegung, denn Sisko hatte soeben das Büfett eröffnet. Damit war der offizielle Teil der Veranstaltung vorüber, und sie brauchten nicht mehr zu flüstern. Major Kira erhob die Stimme, um das einsetzende Getöse zu übertönen. "Jeder Bajoraner kennt die Bedeutung der Haarbänder! Sie wurden während der cardassianischen Besatzung dazu benutzt, Nachrichten zwischen den Gefangenenlagern zu schmuggeln. Jede Farbe hatte eine bestimmte Bedeutung, und die Roten wurden ausschließlich für persönliche Botschaften zwischen Liebenden benutzt, um entweder die glückliche Rettung eines Partners aus der Gefangenschaft oder aber seinen Tod zu verkünden. Der eigentliche Inhalt der Nachricht war an kunstvoll geknüpften Knoten erkennbar. Den Cardassianern ist die ganze Geschichte bis zum Schluß verborgen geblieben. Mir ist nur rätselhaft, wie dieser Mann dazu gekommen ist, es dir zu schenken. Ich muß mehr über ihn erfahren." Kira ging geradewegs zu Odo, der vom Eingang aus das Geschehen im Saal überwachte, und Dax schaute ihr beklommen nach. Da hatte sie ja wieder etwas angerichtet! In der Diskussion mit Kira schüttelte Odo den Kopf und brachte sein vollkommenes Unwissen zum Ausdruck. Dann verschwand er, und Kira kam zurück. "Odo weiß nichts von einem Händler. Er will der Sache nachgehen." Dax bewegte im Moment nur eine Frage. "Ist denn das Tragen eines solchen Bandes irgendwie ...ehrenrührig? - Ich meine, könnte es jemanden beleidigen oder sowas? Ich hatte doch keineswegs die Absicht, Worf damit zu kompromittieren..." Kira schaute sie an, entrüstet über soviel Unwissenheit. "Ehrenrührig? Bei den Propheten, das ist eine klingonische Kategorie und in diesem Falle völlig fehl am Platz. Aber wenn du dich dann besser fühlst kann ich dir versichern, daß es so ziemlich keine ehrenvollere Geste gibt, als jemandem ein Messala-Band zu schenken. Oder - in Worfs Fall - damit beschenkt zu werden. Und wenn es ein rotes ist... Es gibt nichts wertvolleres, außer vielleicht ein selbst geschmiedeter Ohrring, geweiht von einem Vedek im Kloster von B'Hala... Man sagt, die Propheten halten ihre schützende Hand über den, der es trägt, wenn die Nachricht, die es einst enthalten hat, keine Todesbotschaft war, denn dann ist es ein Lebensband. Und die Liebe, die zwei Personen mit diesem Band verbindet, ist eine Liebe auf Lebenszeit. Außerdem sagt man den Messala-Bändern eine" - Kira begann zu kichern - "anregende Wirkung auf das Liebesleben nach..." Dax atmete erleichtert auf. Damit konnte sie leben. Doch dann kam ihr ein beunruhigender Gedanke. "Was ist, wenn das Band kein sogenanntes Lebensband ist?" Vielleicht brachte es dann Unglück? Dax war ganz bestimmt nicht abergläubisch, aber bei Worf war sie sich da nicht so sicher... Kira lächelte beruhigend. "Die Todesbänder wurden nach dem Erhalt verbrannt. Man kann davon ausgehen, daß die noch existierenden roten Bänder entweder Lebensbänder oder Fälschungen sind. Echte rote Bänder sind so selten, weil in den meisten Fällen einer der beiden Partner nicht mehr lebt... Und deshalb werden sie auch niemals verkauft, denn man kann weder Liebe noch Leben kaufen." Dax und Kira sahen nachdenklich vor sich hin. "Ich glaube, ich habe mich bisher zu wenig mit der bajoranischen Kultur beschäftigt", meinte Dax schließlich kleinlaut. Kira legte ihr freundschaftlich die Hand auf den Arm. "Diese Sache mit den Bändern ist sowieso in keiner Datenbank verzeichnet. Du mußt dich nicht schämen, wenn sie dir bis jetzt nicht bekannt war." Odo betrat den Raum und gesellte sich sofort zu den beiden Frauen. "Ich habe Erkundigungen eingezogen. Niemandem ist ein bajoranischer Händler bekannt. Niemand hat eine Genehmigung für seinen Stand erteilt. In keiner Passagierliste findet sich ein Hinweis auf eine solche Person. Wenn ich davon ausgehe, daß Sie sich den Mann nicht bloß eingebildet haben, müssen wir von einem Betrüger oder einem blinden Passagier ausgehen. Das einzige Schiff, das in Frage kommt, ist ein Gemüsefrachter, der gestern angedockt und die Station heute wieder verlassen hat. Seltsamerweise hat sich herausgestellt, daß seine Kennung gefälscht war. Wenigstens war seine Ladung echt... Seine Signatur ließ sich aber nicht verfolgen, und er ist mit unbekanntem Ziel in den Weiten des Alls verschwunden. Die Sache ist sehr mysteriös, aber es findet sich kein Hinweis auf eine Straftat. Ich habe also eigentlich keinen Grund, weiter zu ermitteln." "Lassen Sie es gut sein, Odo", sagte Kira. "Vielleicht war es ein Wink des Schicksals..." Odo schüttelte skeptisch den Kopf. "Schicksal ist eine Erklärung, auf die ich mich nur höchst ungern berufen würde." Er verbeugte sich kurz und nahm seinen Beobachtungsposten am Eingang wieder ein. Dax hatte die ganze Zeit die Klingonen im Auge behalten, zwischen denen Worfs Uniform gut zu erkennen war. Jetzt löste er sich aus der Gruppe und kam quer durch den Raum geradewegs auf Dax und Kira zu. Sein Gesicht drückte deutlich den angestauten Ärger aus. Er haßte es, ohne Grund beobachtet zu werden! Er zog Dax beiseite und grollte: "Hast du gesehen, wie sie mich anstarren! Ich wußte, daß dieses rote Ding" - er deutete abwertend mit dem Daumen hinter seinen Kopf - "keine gute Idee war. Bestimmt habe ich sie in ihrer Ehre verletzt! Was für ein religiöses Tabu habe ich gebrochen, indem ich es trage? Und hast du etwa davon gewußt?" Dax setzte zu einer Antwort an, aber Kira hatte die Vorwürfe gehört und beschloß, sich einzumischen. Sie trat näher und meinte: "Es besteht kein Grund zur Aufregung, Commander Worf. Es ist nur etwas" - sie dämpfte die Stimme, und er senkte den Kopf und wandte ihr das Ohr zu - "ungewöhnlich. Jeder Bajoraner hier beneidet Sie um dieses Band. Und wenn es Sie beruhigt..." - sie wechselte einen Blick mit Jadzia - "es ist ganz bestimmt nichts ehrenrühriges dabei, es zu tragen!" Kiras Worte besänftigten Worf nur wenig, hielten ihn aber immerhin davon ab, den Empfang sofort zu verlassen und dieses "Ding" abzulegen. Sobald es die Etikette erlaubte, beschloß er zu gehen und gab Dax einen Wink, ihm zu folgen. Sie würden noch darüber reden müssen. Auf dem Weg zu Dax' Quartier begann sich Worfs schlechte Laune allerdings zu verflüchtigen, und als sich die Tür hinter ihnen schloß, war sein Zorn offensichtlich verraucht. Er stellte verwundert fest, daß er plötzlich nicht mehr daran interessiert war, die Sache noch auszudiskutieren. Es lohnte nicht mehr, denn eigentlich war alles gesagt. Auch Dax hatte keine Lust auf weitere Rechtfertigungen. Worf hatte keinesfalls in Betracht gezogen, heute länger zu bleiben, aber er fühlte sich nicht in der Lage, seinen Entschluß umzusetzen und das Quartier umgehend wieder zu verlassen. Er drehte sich unschlüssig zu Dax um und wollte etwas sagen, doch es gelang ihm nicht. Auch Jadzia schwieg ratlos, selbst ihr innerlicher Spottvogel war verstummt. So standen sie sich gegenüber, schauten einander an und fühlten sich auf eine wundersame Weise all ihrer Worte beraubt. Doch die ungesagten Worte standen zwischen ihnen wie ein Kraftfeld, und ihr Unterbewußtsein suchte einen Weg, es zu überwinden. Worf hob ganz langsam den linken Arm, streckte ihn aus und schob seine Hand um ihren Nacken, unter ihr von einer Spange zusammengehaltenes Haar. Jadzia beugte den Kopf nach hinten und registrierte die Wärme seiner Handfläche. Ihr Verstand sagte ihr jedesmal, daß die klingonische Körpertemperatur um drei Grad über ihrer eigenen lag, trotzdem hatte sie doch immer das Gefühl, als müßte Worf fiebern, wenn er sie berührte. Das Kraftfeld begann zu fluktuieren. Worfs Griff um ihren Hals verstärkte sich, aber noch rührten sich beide nicht von der Stelle. Jadzias Augen weiteten sich in einem plötzlichen Anflug von Furcht, als sie den unheimlichen Instinkt in seinen großen Pupillen aufleuchten sah, doch er verstand ihre Angst und wußte, daß er imstande war, sie ihr zu nehmen. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf und schloß kurz die Augen, da entspannte sie sich. Das Kraftfeld brach zusammen. Worf legte seine rechte Hand um Jadzias Taille und zog sie sanft, aber fordernd bis auf Tuchfühlung zu sich heran, und Jadzia wehrte sich nicht - das hätte sie gar nicht gekonnt. Jadzia legte ihre Hände auf seine Schultern. Selbst durch den dicken Uniformstoff spürte sie seine Wärme, und der Druck seiner Arme um ihren schmalen Körper wurde heftiger. Seine schwarzen Augen schienen sie einzusaugen. Sie erwartete fast, daß er sie küßte, aber sie ahnte schon, daß er ihre Erwartungen nicht erfüllen würde. Es war eindeutig, daß die Initiative heute von ihm ausging und daß es anders war als sonst. Mit einer raschen Bewegung hob er sie mühelos auf seine Arme, trug sie zum Bett und legte sie fürsorglich ab, genau in der Mitte und ohne den Blick von ihr zu lassen. Dann beugte er sich über sie und schlug ohne jede Vorwarnung seine Zähne in ihren Hals. Jadzia entfuhr unwillkürlich ein Schmerzenslaut, denn die Stelle begann sofort höllisch zu brennen, und verkrallte die Hände in seinen Haaren. Worf löste den Biß, hob den Kopf, sah wieder in ihre Augen und küßte sie dann doch, allerdings so ungestüm, daß der Kuß nach kurzer Zeit blutig zu schmecken begann. Bitte, hör jetzt nicht auf, dachte Jadzia, obwohl sich unter ihren geschlossenen Lidern Tränen zu sammeln begannen, und diesmal erfüllte er ihren Wunsch, als hätte er ihn gehört. Er preßte sie mit seinem Körper auf die Unterlage, und Dax meinte zu spüren, wie ihre Rippen unter seinem Gewicht nachgaben und ihr die Luft knapp wurde, nicht nur von der Heftigkeit des Kusses. Der metallische Geschmack des Blutes wurde intensiver, und sie mußte schlucken. Sie kannte das und fürchtete seine Kraft nicht, aber als Worf ihre Handgelenke ergriff, ihr die Arme zurückbog und sie mit seinen bloßen Händen regelrecht an das Bett fesselte, ohne daß der Druck seiner Lippen auf ihren Mund nachließ, mußte sie zur Gegenwehr übergehen, denn Worf würde sofort jede Aktivität einstellen, wenn er erkannte, daß sie sich nicht mehr rühren konnte. Oder wenn sie gar das Bewußtsein verlor... Sie bäumte sich mit einer gewaltigen Kraftanstrengung auf, drehte den Kopf zur Seite und rang keuchend nach Atem. Worfs Klammergriff um ihre linke Hand löste sich. Sie bekam seinen Zopf zu fassen und zog seinen Kopf an den Haaren zurück, so daß er schmerzvoll aufstöhnte und auch die andere Hand freigab. Aus seiner Unterlippe rann ein dunkelroter Tropfen in seinen Bart. Sein Blut oder meins, dachte Dax, egal. Wenn er einen Kampf wollte, sollte er ihn haben! Sie ließ den Zopf los und rammte ihm beide Fäuste vor die Brust, so fest sie nur konnte, und er ließ sich seitwärts auf das Bett fallen. Sie rappelte sich auf die Knie, schlang die Beine um seine Oberschenkel und richtete sich auf, um die Hände frei zu haben und ihm auf die muskulöse Brust zu trommeln. Ihre Haarspange löste sich und rutschte zu Boden, wodurch ihr die Haare wirr ins Gesicht fielen. Das gefiel nun Worf ganz außerordentlich. Es war irgendwie ...klingonisch. Seine Abwehr beschränkte sich darauf, daß er sie an den Schultern festhielt, damit sie ihm nicht das Gesicht zerkratzte. Oder wollte er ihr damit einen zusätzlichen Halt geben? Da schaute sie in sein Gesicht und sah ihn scheinbar überlegen lächeln. "Findest - du - das - witzig - !?" fragte sie keuchend. Worf hütete sich, etwas zu tun, das sie beruhigen konnte. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und schmeckte das Blut. "Ja. Sehr!", sagte er, und er meinte es auch so. Sein Lächeln wurde noch breiter, als Dax an seiner Uniform zu zerren begann. Die Verschlüsse gaben nach und öffneten sich mit einem reißenden Geräusch. Seine Heiterkeit wich einem dumpfen Knurren tief aus seiner Brust, als Jadzias Hände sich mit unvermuteter Kraft im Würgegriff um seinen Hals schlossen. Sie schaffte es wirklich, ihm die Luft abzudrücken. Worf hatte sie unterschätzt, und als ihm das klar wurde, war es zu spät. Er mußte sich so stark auf seine physischen Kräfte konzentrieren, daß er seine mentale Kontrolle dabei einbüßte und endlich bereit war, seine Selbstbeherrschung aufzugeben.